Portrait

Der Maler Hermann Ruf –
Stiller Wanderer mit sehendem Auge

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Mein Bruder und ich erinnern uns: Der Opa kam immer zu Weih­nachten – und pünktlich an jedem Morgen des Heilig-Abend-Tages seine Weihnachtsgans. Weihnach­ten mit Opa war etwas ganz ande­res als ohne ihn. Es gab für Kornei und mich nur ein einziges Weih­nachten ohne ihn. Das war das letzte vor seinem Tod am 10. Ja­nuar 1970. Er verbrachte es in einem Krankenbett im St. Trudpert­-Krankenhaus. Weihnachten mit un­serem Großvater Hermann Ruf war geprägt durch sein Auftreten. Er hatte die Autorität eines Patriar­chen. Nein, wir waren nicht furcht­sam, im Gegenteil, Opas Kommen war festliche Vorfreude. Er hatte in den letzten Jahren sein Domizil, das heißt Wohnung und Atelier, in der Pflügerstraße. So schloß sich für ihn auch geografisch-räumlich der Lebenskreis in seiner Geburts­stadt. Als Klingsträßler geboren, in der Gellertstraße mit unserer Groß­mutter Anna Ruf verheiratet, in Eutingen evakuiert nach der Zer­störung der Stadt am 23. Februar 1945, kehrte er schließlich wieder zurück nach „jenseits der Beresina“, wie er es bezeichnete – auf das rechte Enzufer.

Auf ihm flüch­tete er am 23. Februar über das Enzvorland vor niedersausenden Brandbomben flußabwärts. Das Einzige, was er damals retten konn­te, waren seine Staffelei und ein Alt­-Pforzheim-Bild – bedeutungsvolle Symbole für sein Tun und Wirken in den Nachkriegsjahrzehnten. Ein glühender Brocken durchschlug die Leinwand seines Bildes. Er ließ es nicht los. Seine Hände krallten sich um den Keilrahmen. Er wollte dem Schicksal in den Rachen grei­fen, ganz niederbeugen sollte es ihn nicht. Das Gemälde steht heute im Heimatmuseum, seine Staffelei und auch die immer noch farben­bunte Palette – so wie er sie aus der Hand gelegt hatte. Und die war sein Begleiter bis zum Tag vor sei­nem Krankenhausaufenthalt.

 

Da will ich euch etwas erzählen …

Am Heiligen Abend kam aber er jedoch nicht von der Pflügerstraße, sondern vom Friedhof. Seine Toch­ter und unsere Mutter, Hermine Mierau, hatte uns Kindern jenen sinnreichen ersten Gang zum Friedhof vorgelebt. Dieser mächti­ge Weihnachtsbaum am Hauptein­gang und unsere bescheidenen Kerzen am weißen Lichterbäum­chen auf dem Grab unserer Groß­mutter Anna Ruf sind Erinnerun­gen, die mit uns durchs Leben gehen. Opa haben wir dort oben nie gesehen, aber er war da. Er kam ja vom Friedhof zu uns. Er ging seinen Weg immer allein – drinnen und draußen. In jenen Katastrophenminuten des 23. Fe­bruar war er auf dem Weg zu ihr. Vom Schloßberg, wo er sein Atelier hatte, bis zur Auerbrücke fiel Feuer und Phosphor in Menge vom Him­mel. Es war kein Durchkommen mehr in die Südstadt. Wer da noch den Mut hatte, an Gott zu glauben, mußte verzweifeln. In jenem Feuer­sturm wurde seine Frau unter den Trümmern des zusammengebomb­ten Hauses begraben. Zwei Fuß­minuten nur trennten die beiden Menschen von Tod und Leben. Unser Großvater hat zu uns nicht darüber gesprochen, aber wir Kinder spürten, wie sehr ihn der Verlust seiner Frau beschäftigt hat. Opas Blumen standen immer zuerst auf dem Grab.

Anna Ruf mit 17 Jahren – Hermann Ruf mit 24 Jahren

Hermann Ruf hat nicht nur an Weihnachtsabenden herrliche Ge­schichten erzählt. Sie waren immer wahr – oder klangen so. Sie fingen auch immer gleich an – ,,da will ich euch etwas erzählen, es dauert nicht länger als eine Stunde …“ Und er erzählte – er war ein wirkli­cher Geschichtenerzähler, einer wie es sie nicht mehr gibt, aufge­wachsen ohne Fernsehen und Kino. Er lachte auch selbst herzlich über seine Pointen. Sein Lachen erfaßte sein ganzes Gesicht und schüttelte den ganzen, rundlichen Mann. Allein sein Lachen waren seine Geschichten wert. Beim Ge- sangverein Blumenheck waren die Geschichten vielleicht etwas deftiger, aber grob waren sie nie. Beliebt immer. Eigentlich haßte er es, Alleinunterhalter zu sein. Wo er spürte, nur deshalb eingeladen zu werden, blieb er fern oder ver­schwand wieder nach kurzer Zeit. Falschheit verletzte ihn. Echte Zu­neigung machte ihn weich, gesprä­chig und gütig. Er hat vielerlei un­ternommen in seinem Leben. Man kann nicht alles zu Ende bringen, mit dem man mal angefangen hat. So war es auch bei ihm. Einigen Menschen und Dingen.jedoch blieb er treu verbunden bis zu sei­nem Abschied von dieser Welt.

Er hatte seinen Stammplatz in der „Guten Hoffnung“. Dann war da der Dienstag-Dämmerschoppen in der Jägerstube des „Schloß­keller“, wo ich im Kreis seiner Freunde regelmäßig ein reichhalti­ges Abendessen spendiert bekam. Im Umkreis von Hermann Ruf, das heißt, so weit der blaue Dunst sei­ner Zigarre reichte, war immer ein Hauch von Vornehmheit. Opa war eine gepflegte Erscheinung – Stahlgraveur, Schmuckfabrikant, Jäger und Künstler in einer Person.
Nun wurde ich aufgefordert, et­was über meinen Großvater zu schreiben, denn am 16. März 1982 jährte sich sein 100. Geburtstag. Was gibt es leichteres für einen Enkel! Weit gefehlt. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten, nämlich aus den Zeitungsausschnitten beim Stadtarchiv mir die Würdigung des künstlerischen Schaffens meines Großvaters herauszusuchen und hier wiederzugeben oder von mei­nem subjektiven Erleben zu berich­ten. Allerdings waren Kornei und ich noch Kinder oder bestenfalls junge Erwachsene, als Hermann Ruf ein schon hochbetagter Senior war. Aus seinem jungen Leben wis­sen wir kaum etwas. Es lebt kaum noch jemand, der über ihn wäh­rend seiner ersten dreißig Lebens­jahre erzählen könnte.

Erst mal ein krisenfester Beruf …

Hermann Ruf wurde in die Zeit des deutschen Großbürgertums hineingeboren. Der Eiserne Kanzler Bismarck regierte. In der Kling­straße gab es dennoch viel Armut. Acht Kinder hatten die alten Rufs. Die Mutter war der ruhende Pol. Sie hielt die Familie zusammen. Das war sicherlich eine schwierige Aufgabe, wenn ich mich an die Lausbubengeschichten erinnere, die unser Großvater aus seiner Jugendzeit dutzendweise erzählen konnte. Der Vater war ein Waldläu­fer. Er war Feldhüter und kannte je­den Schnepfenstrich im Hagen­schieß. Er brachte Pilze und Kräu­ter nach Hause. Vielleicht war auch mal ein Hase dabei, der ihm unter seinen dunkelgrünen Lodenmantel gesprungen war. Von ihm lernten die Ruf-Buben die Heimat kennen. Wahrscheinlich hatte Hermann Ruf von ihm die Natursehnsucht, die viel mehr war als nur Hunger nach frischer Luft und Sonne. Die Einheit von Mensch und Natur, die ge­heimnisvollen Ordnungsprinzipien, die darin wirken, und das Zeugnis einer himmlischen Macht, die Her­mann Ruf in diesem Natur-Kosmos fand, sind Erkenntnisse, die vom Vater auf den Sohn übergegangen und von ihm weiterentwickelt wur­den.

Die Kinder hatten krisenfeste Be­rufe zu erlernen, denn alle mußten sie bald auf eigenen Füßen stehen. Hermann Ruf begann die Lehre zum Stahlgraveur. Er war übrigens der älteste unter den Geschwi­stern, vier Jungen und vier Mäd­chen.
Schon während der Lehre fühlte er sich zur Malerei hingezogen. In der Gewerbeschule fiel er durch seine Schmuckzeichnungen auf. Zu Hause malte er mit 17 Jahren die ersten Aquarelle. Dann kamen die ersten Auszeichnungen in der Schule. Der Vater konnte sich den Empfehlungen von Hermanns Leh­rern nicht verschließen. Obwohl Schulbesuch damals nur mit Schul­geldzahlungen möglich war, ließ er seinen Sohn die Kunstgewerbe­schule besuchen. Bei den Profes­soren Rücklin, Sauter, Riesterer und Klemann lernte er das Zeich­nen, Malen und Schmuckentwer­fen. Schon nach wenigen Jahren war Hermann Ruf ein herausragen­der Schüler seiner Meister. Er erhielt Stipendien und Preise. Der angehende Grafiker und Schmuck­designer erhielt Aufträge als Juwelenzeichner von den bekann­testen Schmuckfirmen Pforzheims, Deutschlands und des Auslandes. Von Pforzheim bis Paris beteiligte sich Hermann Ruf an den bedeu­tendsten Schmuckwettbewerben und gewann viele Preise.

,,Für Badens Ehre“

Der Erste Weltkrieg setzte seiner Karriere als Schmuckentwerfer ein vorläufiges Ende. In dem berühm­ten markgräflichen Regiment der „113er“, das in Rastatt stationiert war, erlebte er die grausamen Materialschlachten in Elsaß-­Lothringen. Hermann Ruf erhielt das EK 1 und mehrere andere Aus­zeichnungen. Wir Kinder haben dies alles erst nach seinem Tod gesehen. Auch den Karl-Friedrich­-Orden. ,,Für Badens Ehre“ ist ein­graviert. Es ist ein höchst selten verliehener Orden. Er ist gleichzu­setzen mit dem „Pour le Merite“, und wie der mit einer monatlichen Leibrente verbunden. Diese Aus­zeichnung war auch der Grund für das Ehrengeleit des Ordenspräsidiums der Höchstausgezeichneten und der Bundeswehr an seinem Grab. Bei Winterberg muss es ge­wesen sein, irgendeine enorm tapfere Haltung, die anderen Men­schen das Leben gerettet hat. Ge­naues hat er uns nie erzählt. Seine Bescheidenheit hat ihn auch als Offizier ausgezeichnet.

Von unserer Mutter Hermine Mierau wissen wir, dass ihr Vater sich nach gesunder Heimkehr aus dem Krieg sofort daran machte, eine eigene Schmuckfabrikation zu beginnen. Das Geschäft florierte mit eigenen Entwürfen. Allerdings setzte die Weltwirtschaftskrise En­de der Zwanziger Jahre dem Unternehmen sehr zu. Mit viel Ge­schick und unter großen finanziel­len Verlusten durch nicht mehr ein­zubringende Forderungen bei nord­amerikanischen Kunden hat Her­mann Ruf die Schmuckwarenfabrik in die 30er-Jahre geführt. Sein poli­tisches Feingespür hat ihn von An­fang an gewarnt vor Hitlers Politik. Er hat sich öffentlich dagegen aus­gesprochen und sich schließlich – ohne Mitgliedschaft- als Gesin­nungsfreund der Sozialdemokrati­schen Partei erklärt. Auch später wußte man in den Pforzheimer NSDAP-Behörden, auf welcher Seite Hermann Ruf in seiner politi­schen Einstellung stand. Sein inte­gres Auftreten als angesehener Bürger dieser Stadt hat ihn vor Pressionen bewahrt. Nach dem Zu­sammenbruch 1945 war er es dann, der Bekannten vor den Spruchkammern der Besatzungs­mächte aus der Patsche half. – Seine Schmuckwarenanfertigung ging, wie alles in Pforzheim, in Schutt und Asche unter. Der Fabri­kant, Jäger und Maler hat mit 63 Jahren alles verloren …

Unsere Mutter und seine beiden in Amerika lebenden Kinder Her­mann und Helene unterstützten ihn in jener schweren Zeit nach Kräf­ten.

Mit schnellem Schritt, den Rucksack auf dem Rücken …

Hermann Ruf war von der ersten Stun­de an ganz verwurzelt mit der Ma­lerei. Er schuf mit ihr eine Philoso­phie in Bildern, für sich und alle Menschen, die bewußt sehen. Er nahm in Demut sein Schicksal an und ging seinen Weg weiter. Seine Vitalität war ungebrochen. Sein Lieblingsplatz blieb hinter der Staf­felei. Für Jahrzehnte war er nicht mehr aus dem Stadtbild wegzu­denken. Mit schnellem Schritt, Rucksack auf dem Rücken, rechts die zusammengebundene Staffelei, links drei Leinwandrahmen be­spannt, eilte er zur Postbushalte­stelle oder zum Bahnhof. Wenn er in der Stadt malte, suchte er sich die ruhigsten Winkel. Er wollte nicht angesprochen sein, und auf Schau machen, lag ihm sowieso nicht. Um so gefragter waren da­mals schon seine Ölbilder.
Als Junge, später als Jäger und dann als Maler durchstreifte er un­sere Heimat. Er kannte jede Wald­wiese. Er wußte, wo die Rehe aus dem Wald treten. Die schönsten Ausblicke hat er gemalt. Er hat Kornel und mich oft mitgenommen und uns den Schwarzwald nahe gebracht, obwohl uns die Tortenge­nüsse, die er spendierte, wichtiger waren als Freudenstadt oder Schonach zu besichtigen.

Vogtsbauernhof im Gutachtal

Welche Bedeutung unser Groß­vater Hermann Ruf als Maler hatte, erfuhr ich schon bei einem solchen Ausflug mit ihm. Übrigens, er malte dann wenig, wenn Kornel oder ich ihn begleiten durften. Er zeigte uns, was er für sich entdeckt hatte. Und er erzählte phantastisch und span­nend dazu. Heute noch haben wir’s im Ohr und erzählen’s weiter, fast unbemerkt in den Worten von ihm. Also, es war an einem Sommertag in Gutach. Wir kehrten im Gasthof Linde ein. Die Wirtsleute kannten ihn. Er wurde sehr freundlich und respektvoll empfangen. Wie selbst­verständlich bat er um die Gäste­bücher. Der Wirt holte sie aus einer verschlossenen Stube. Großvater zeigte mir dann die einzigartigen Zeichnungen der ganz großen Schwarzwaldmaler Hasemann, Lie­bich und anderen. Die Folianten sind voll von Landschaftsbildern und Portraits von Bauern, Uhrenträ­gern, Briefträgern, Pfarrern und vie­les mehr. Eine außergewöhnliche Kostbarkeit! Großvater erzählte mir, wie er mit diesen Künstlern viele Male in der Linde zusammen­gesessen habe. Später erfuhr ich von der Witwe des Prof. Liebich, dass Hermann Ruf einer von dieser Künstlergruppe war, die heute neben Hans Thoma die kunst- und kulturhistorisch bedeutsamsten Zeugnisse einer Maler-Epoche in dieser Region geschaffen haben. Was war ich damals schon stolz auf diesen Großvater! Vor kurzem habe ich einen Zeitungsausschnitt der Badischen Zeitung aus Frei­burg gelesen. Darin bezeichnete ein Freiburger Kunstkritiker Her­mann Ruf als den „Hermann Löns des Schwarzwaldes“, weil er als legendäre Figur das Waldge­birge kreuz und quer durchwandert hat.

Wasser – so unnachahmlich, dass man glaubte, nass zu werden.

Seine stimmungsvollen Ölgemäl­de vergegenwärtigen verlorenge­gangene Idylle und bezeugen das hohe Niveau im Kunstschaffen der Schwarzwaldmaler. Er war Auto­didakt. Seine Techniken kamen erst mit dem Malen. Es blieb sein Ge­heimnis, wie er so unnachahmlich Wasser malen konnte, dass man glaubte, nass zu werden, oder einen Hauch Vorfrühling in seine Bilder zauberte, dass einem der Duft son­nenwarmer Erde in die Nase kam.

Morgen im Würmtal

Er nahm das Malen ernst. Es war die ihn erfüllende Lebensaufgabe. In seinen Bildern hat er sich ge­geben – unverwechselbar in seiner Persönlichkeit. Den Hermann Ruf findet man in den Landschafts- und Blumenbildern so, wie er sie gesehen hat. Er war immer dabei, seine Kunst zu vervollkommnen. Kein Weg war ihm zu weit, um so oft zu seinem Motiv-Standplatz zu gehen, bis das Bild im Originallicht, in der Originaljahreszeit vollendet war. Manches Bild mußte man ihm fast gewaltsam wegnehmen. Sein Drang, ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen, ließ ihn im­mer wieder Neues entdecken. Noch heute verwundert es mich, wie wichtig es ihm war, dass Kornel oder ich ihn im Atelier besuchten, um seine gerade in Arbeit befind­lichen Bilder zu beurteilen. Ich er­innere mich an stundenlange Be­suche bei ihm, wo wir sehr gründ­lich Farbgebung, Raumaufteilung, gestalterische Details erörtert ha­ben. Ich habe dabei gelernt, be­wusst zu sehen. Er aber nahm unser ungeübtes Kritisieren an, stellte häufig das betreffende Bild wieder auf die Staffelei und änderte, was wir zusammen entdeckt hatten.

Hermann Ruf verbrachte die Jahre 1948-1950 bei seinem Sohn Hermann in den USA. Er besuchte dort auch seine zweite Tochter Helene. Natürlich war er mit Pinsel und Palette unterwegs. Die grau­blau-dunstigen Bilder von New York und Umgebung bilden eine besondere Entwicklungszeit in sei­nem Schaffen. Später verordnete er sich mehrere Aufenthalte in Ita­lien, um seine Farben aufzuhellen, mehr Licht in seine Kompositionen zu bringen. Einen Tag nach seinem Tod, am 9. Januar 1970, schrieb die Pforzheimer Zeitung: ,,Je älter er wurde, desto reicher wurde seine Palette. Vom Dunkel der früheren Jahre hat Hermann Ruf zuneh­mend ins Helle gestrebt. Größerer Mut zur Farbe hat seinen Bildern ihre wohltuende, harmonische Ruhe nicht nehmen können. So wurden Qualität und Reife die Attri­bute eines kultivierten Naturalis­mus, dem Wärme und Stimmung zu eigen waren.

Ein „Sänger in Farben“

In einem langen Kondolenz­schreiben des damaligen Vorsit­zenden des Kunst- und Kunstge­werbevereins, Fabrikant Walter Huber, das er unserer Mutter, Hermine Mierau, überbringen ließ, lese ich u. a.: ,,Durch sein künstlerisches Schaffen hat er die Schönheiten unserer näheren und weiteren Heimat, aber auch das Naturerleb­nis fremder Länder festgehalten. In zahlreichen Privatwohnungen und Dienstgebäuden erfreuen seine Bil­der immer wieder viele Menschen und Freunde seiner Kunst, in deren Augen und in deren Herzen er sich damit ein bleibendes Denkmal ge­setzt hat.“

Hermann Rufs Malerauge reizte der weite Blick über Täler und Hö­hen des Schwarzwaldes, aber auch die heimeligen Winkel Alt-Pforz­heims oder der umliegenden Dör­fer. Er wurde zu einem „Sänger in Farben“, obwohl er einmal in einem Interview sagte: ,,Man kann das Würmtal nicht ins Italienische übersetzen, also nicht in bengalischen Farben malen, sonst geht seine Wesensart verloren.“ Er blieb ein Könner mit dem liebenden Blick für die wahre Idylle und der Fähigkeit, Farbklänge im großen Konzert der Schöpfung wiederzugeben.

Mit 81 Jahren hatte er den Wunsch, ,,ehe ich die Palette für immer aus der Hand legen muss, möchte ich den Pforzheimern zei­gen, was ich seit 1945 gearbeitet habe.“ Der Kunstverein widmete ihm damals eine Ausstellung im Reuchlinhaus. Jetzt zeigt das Kulturamt der Stadt Pforzheim als Veranstalter im Spätsommer des 100. Geburtsjahres von Hermann Ruf zum ersten Mal eine Retro­spektive seines gesamten künstle­rischen Werks.

Hartmut Radel